Seit der Römerzeit wird in Nordwales Schiefer abgebaut, doch seine Blütezeit erlebte dieser Industriezweig während der industriellen Revolution, als walisischer Schiefer zu einem weltweit begehrten und gehandelten Rohstoff wurde. Zu Spitzenzeiten beschäftigte die Branche rund 17.000 Menschen und produzierte jährlich fast eine halbe Million Tonnen Schiefer.
Im Juli 2021 erhielt die Schieferlandschaft von Nordwestwales UNESCO-Welterbestatus. Neben den Burgen und Stadtmauern von König Eduard I., dem Pontcysyllte-Aquädukt und der Industrielandschaft von Blaenavon zeugt die Ernennung der Schieferlandschaft - als vierte UNESCO Welterbestätte im Land - vom transformativen Einfluss des Schieferhandels auf diese Region in Wales.
Die Entstehung und Ausbreitung riesiger Steinbrüche veränderte die Landschaft, dieser einst ländlichen und friedlichen Gegend, für immer und schuf eine einzigartige Umgebung mit künstlichen und natürlichen Merkmalen. Die Auswirkungen waren nicht nur physischer Natur. Auch die Gesellschaft und die Kultur der Region wurde durch den Schiefer geprägt, wodurch sich die Lebens-, Arbeits- und Freizeitgewohnheiten der Menschen vor Ort veränderten. Heute ist die Schieferlandschaft von Nordwestwales in sechs Hauptabschnitte unterteilt, von denen jeder ein anderes Kapitel in der langen Geschichte des Schieferabbaus darstellt:
Dyffryn Ogwen
ogwenDie gigantischen Ausmaße des Steinbruchs der Penrhyn Quarry sind ein atemberaubender Einstieg in die Schieferlandschaft von Nordwestwales. Zu seiner Blütezeit im 19. Jahrhundert war er der größte Schiefersteinbruch der Welt – mit rund 3.000 Arbeitern in der Mine und einer Produktion von knapp 100.000 Tonnen Schiefer jährlich. Obwohl in Penrhyn bis heute Schiefer in kleineren Mengen abgebaut wird, ist die Mine auch für seine großartigen Abenteueraktivitäten bekannt.
Zip World Penrhyn bietet eine Reihe einzigartiger Erlebnisse in und über dem felsigen Gelände des Steinbruchs. Dazu zählt die atemberaubende Velocity-Zipline, mit der Besucher mit einer Geschwindigkeit von über 160 km/h durch die Luft sausen können. Die Penrhyn Quarry Tour, eine Offroad-Exkursion durch das zerklüftete Gelände des Steinbruchs, bietet neben atemberaubenden Ausblicken auch einen tiefen Einblick in die Vergangenheit der Mine. Die dunklere Seite des Schieferhandels erleben Besucher im Penrhyn Castle. Dieses prächtige, schlossähnliche Anwesen wurde im 19. Jahrhundert von der Familie Pennant erbaut, die ihr Vermögen sowohl mit den Steinbrüchen in Nordwales als auch mit jamaikanischen Zuckerplantagen, die von Sklavenarbeit betrieben wurden, erworben hatte.
Am besten erkunden Sie die Landschaft von Dyffryn Ogwen zu Fuß - z.B. auf einem kleinen Rundweg am Ufer des Llyn Ogwen entlang mit fantastischem Blick auf den Gipfel des Tryfan und die Glyderau-Bergkette. Eine längere Tour führt entlang des Lôn Las Ogwen. Er folgt der ehemaligen Strecke einer alten Schmalspurbahn zwischen Porth Penrhyn und dem Dorf Glasinfryn.
Dinorwig Quarry
dinorwigDer Steinbruch der Dinorwig Quarry liegt an den Ufern der Seen Llyn Padarn und Llyn Peris, überragt vom eindrucksvollen Yr Wyddfa (Mount Snowdon). Eine ungewöhnlich malerische Lage für einen ehemaligen wichtigen Industriestandort in Nordwales. Obwohl hier seit 1969 kein Schiefer mehr abgebaut wird, war Dinorwig einst nach Penrhyn der zweitgrößte und zweitwichtigste Steinbruch weltweit. Dutzende Terrassen sind noch immer an den Talflanken zu sehen, ebenso wie die Überreste von Maschinen und eine Reihe Ruinen ehemaliger Steinbruchgebäude und Werkstätten.
m mehr über das industrielle Erbe der Region zu erfahren, empfiehlt sich der Besuch des National Slate Museum, das derzeit umfassend renoviert wird. Aktuelle Informationen liefert die Webseite des Museums, das in den ehemaligen Werkstätten von Dinorwig untergebracht ist - eine Zeitkapsel, die großartige und anschauliche Einblicke in die Technologien und Techniken der Schieferproduktion sowie in die Arbeits- und Lebensbedingungen der Menschen gibt. Während das Museum geschlossen ist, können Sie eine temporäre Ausstellung im Quarry Hospital im Llyn Padarn Country Park besuchen, wo es auch einige Wanderwegen gibt und Aktivitäten wie Wassersport und Klettern angeboten werden.
Wenn Sie gerne mit der Bahn fahren, unternehmen Sie eine Fahrt mit der Llanberis Lake Railway entlang des Seeufers oder mit der Snowdon Mountain Railway hinauf zum Gipfel des Yr Wyddfa (Mount Snowdon). Mehr spannende historisch interessante Geschichte liefert das Dolbadarn Castle, das seit dem 13. Jahrhundert hier über das Tal wacht.
Dyffryn Nantlle
nantlleIm Gegensatz zu den riesigen Flächen von Penrhyn und Dinorwig besteht Dyffryn Nantlle aus einer Reihe kleinerer Steinbrüche, die über die Landschaft verstreut liegen. Der Schiefer wurde aus tiefen Gruben im Talboden gewonnen, was spezielle Techniken und Geräte sowohl für den Abbau des Schiefers als auch für die Entsorgung des Abraums erforderte. Achten Sie auf die seilbahnähnlichen Blondins (benannt nach dem franzsösischen Hochseilartisten Charles Blondin, der als erster die Niagara-Schlucht auf einem Hochseil überquerte) und die Kettenbahnen in Cloddfa'r Lon und Penbryn – erfunden von genialen walisischen Ingenieuren.
Eine der besten Möglichkeiten, die Gegend zu erkunden, ist die Wanderung auf den Bro Nantlle Slate Walks. Die fünf Routen zeigen nicht nur das industrielle Erbe des Tals, sondern geben auch tiefere Einblicke in andere Aspekte der Geschichte von Nantlle. Eine Wanderung führt durch das Dorf Rhosgadfaen, die Heimat der Schriftstellerin Kate Roberts, deren Werk von den Kämpfen der Menschen inspiriert wurde, die in den Steinbrüchen von Nordwales leben und arbeiten.
Im Pant Ddu Vineyard können Sie die Produkte lokaler Erzeuger verkosten, an einer Führung durch die Weinberge teilnehmen (und dabei einige der preisgekrönten Weine probieren) und einen Tisch im hauseigenen Restaurant reservieren. Für eine Stärkung und besten Kaffee, besuchen Sie das Poblado. Hier wird der Kaffee ethisch einwandfrei von unabhängigen Lieferanten bezogen und in den ehemaligen Baracken der Steinbrucharbeiter geröstet, dem Hauptsitz von Poblado.
Gorseddau and Prince of Wales
gorseddauTrotz erheblicher Investitionen auf dem Höhepunkt des Schieferbooms führten die schlechte Qualität des Gesteins aus diesen beiden Steinbrüchen dazu, dass sie bereits nach wenigen Jahren den Betrieb einstellen mussten. Obwohl sie zu ihrer Zeit nicht erfolgreich waren, sind sie aufgrund ihrer kurzen Betriebsdauer aus historischer Sicht besonders interessant. Gorseddau und Prince of Wales liefern einen zeitgenössischen Einblick in die Schieferindustrie Mitte des 19. Jahrhunderts. Noch heute kann man die Terrassen sehen, auf denen der Schiefer abgebaut wurde, sowie die Überreste des geplanten Dorfes Treforys und die Trasse der Schmalspurbahn, die für den Transport des Schiefers nach Porthmadog gebaut wurde.
Das vielleicht auffälligste Merkmal ist die Ynyspandy Slate Mill. Die dachlosen Überreste dieses prächtigen alten Gebäudes stehen neben der Eisenbahnlinie, etwa eine Meile von Gorseddau entfernt. Seine Größe erinnert eindringlich an die Hoffnungen, die einst mit den Steinbrüchen in diesem Teil von Nordwales verbunden waren.
Heute ist dieser friedliche Ort ein beliebtes Ziel für Wanderer. Wenn Sie auf Erkundungstour sind, können Sie sich im Tyddyn Mawr Tea Room, der direkt am Ufer des Llyn Cwmystradlyn liegt, stärken.
Ffestiniog und Porthmadog
ffestiniogBlaenau Ffestiniog, einst bekannt als „die Stadt, die die Welt überdachte“, hat sich zu einem der größten Outdoor-Aktivitätszentren Großbritanniens entwickelt. Die industriellen Überreste von Ffestiniog können sowohl über als auch unter der Erde im Zip World Llechwedd besichtigt werden. Begeben Sie sich bei der Deep Mine Tour unter die Erde, springen in Bounce Below auf riesigen unterirdischen Trampolinen oder spielen eine Runde Untergrundgolf.
Bei einer Fahrt mit der Titan-Zipline sieht man die Ausmaße der Steinbrüche aus der Vogelperspektive oder unternehmen Sie auf eine Steinbruch-Tour eine Fahrt in einem robusten Geländewagen durch die Schiefermine. Außerdem gibt es das adrenalingeladene Antur Stiniog, ein Downhill-Mountainbikezentrum, das sowohl für Anfänger als auch für Könner geeignet ist. Wenn Sie lieber mit beiden Beinen auf dem Boden bleiben möchten, können Sie zu einer Wanderung auf einem der neun Bro Ffestiniog Slate Walks starten.
Porthmadog spielte im Schieferhandel eine wichtige Rolle als Verkehrsknotenpunkt, von dem aus Blaenau Ffestiniog-Schiefer vom Hafen zu Zielen auf der ganzen Welt transportiert wurde. Die Schiffe wurden von Einheimischen gebaut und bemannt. Im Maritime Museum von Porthmadog erfahren Besucher mehr über ihre Geschichten. Die Städte „Stiniog” und „Port” - wie Blaenau Ffestiniog und Porthmadog liebevoll abgekürzt werden - verbindet die Ffestiniog und Welsh Highland Railway. Nach der Überquerung des Cob - ein 1,4 Kilometer langer Damm an der Mündung des Glaslyn -schlängelt sich die rund 21Kilometer lange Strecke durch Berge und Wälder, vorbei an Seen und Wasserfällen.
Abergynolwyn und Tywyn
tywynDiese eher ländliche Gegend im Süden von Gwynedd scheint weit entfernt von den riesigen Steinbrüchen weiter nördlich zu liegen und doch hat der Schieferhandel hier seine Spuren hinterlassen. Oberhalb von Abergynolwyn befindet sich der Steinbruch Bryneglwys. Obwohl er im Vergleich zu anderen Steinbrüchen klein ist, zeichnet er sich durch eine gut erhaltene Radgrube aus, die einst die Wasserkraft lieferte, um die Schieferplatten aus dem Steinbruch zu heben.
Ein weiteres Zeugnis der Schieferindustrie ist die historische Rheilffordd Talyllyn Railway. Ursprünglich gebaut, um Schiefer aus der Bryneglwys-Mine nach Abergynolwyn und Tywyn zu transportieren, schrieb diese Schmalspurbahn 1951 Geschichte, als sie als erste historische Eisenbahn der Welt erhalten und als Besucherattraktion betrieben wurde.
Weitere Informationen
- Snowdonia Slate Trail – Eine 135 Kilometer lange Wanderroute, unterteilt in 13 Abschnitte
- Welsh Slate – Ausführliche Informationen über die Vergangenheit und Gegenwart der Schieferlandscahft
- Visit Eryri (Snowdonia) – Informationen und Inspirationen zu Sehenswürdigkeiten und Aktivitäten in der Region