Ich bin in Cardiff geboren und ich liebe diese Stadt. Ich finde Cardiff vereint das Flair europäischer Hauptstädte mit dem gewissen Etwas. Wenn Sie zum ersten Mal hier sind, gibt es natürlich die obligatorischen Highlights, die erstmal abgehakt werden wollen – doch je tiefer Sie in die Stadt eintauchen möchten, desto mehr kann ein bisschen Insider-Wissen nicht schaden. Stellen wir uns also vor, Sie kämen mich übers Wochenende besuchen – dann sind hier einige Orte, an die ich Sie mitnehmen würde.

Aber wo anfangen? Für die erste Orientierung empfehle ich einen Spaziergang durchs Stadtzentrum. In der knapp ein Quadratkilometer großen Fußgängerzone findet man sich schnell zurecht. Begrenzt wird sie durch das Cardiff Castle und das Civic Center im Norden, den Fluss Taff im Westen und die Bahnlinien im Süden und Osten der Stadt. In diesem Bereich befindet sich ein Großteil der Pubs, Restaurants, Bars und Geschäfte – die schönsten davon wiederum in den verschiedenen historischen Arkaden aus der Zeit Queen Victorias und King Edwards VII. Aber hierzu später mehr.

Um zu erfahren wie Cardiff schmeckt, statten Sie am besten dem Cardiff Market einen Besuch ab, in dem in den letzten Jahren eine kleine Foodie-Revolution stattgefunden hat. Neben den Obst- und Gemüse-Ständen in der schönen viktorianischen Halle gehören auch die Cheese Pantry mit ihren köstlichen britischen Käsesorten, Holy Yolks mit Spezialitäten aus walisischen Eiern und der Hard Lines Coffee Shop und Rösterei sowie Ffwrnes mit leckeren Pizzas. Ringsum gibt es traditionelle Marktstände an denen Sie Welsh Cakes, Brot, Fleisch und Fisch kaufen können. Außerdem gibt es auf dem umlaufenden Balkon einige Cafés im Diner-Stil, in denen Sie bei einer Tasse Tea auch gut Leute beobachten können. Und Sie sollten bei Kelly’s Records vorbeizuschauen – einmal durch die Kisten zu wühlen ist hier Pflicht.   

An indoor scene of a large market hall with a small clocktower in the middle
An indoor scene of a fishmongers
Die schöne Markthalle aus dem Jahr 1891

Wenige Schritte gegenüber dem östlichen Eingang zur Markthalle steht die hübsche St John’s Church. St John’s ist eines der ältesten Bauwerke in Cardiff, Teile der Kirche stammen aus dem 12. Jahrhundert. Wenn Sie die Anstrengung nicht scheuen, steigen Sie die Stufen im Glockenturm nach oben und genießen die Aussicht über die Stadt. An den Park angrenzend steht Yr Hen Lyfrgell („Die alte Bibliothek“). Sie beheimatet heute ein walisisches Kulturzentrum mit einer Dauerausstellung über die Geschichte Cardiffs und mit einer wunderbaren Café-Bar namens Llaeth & Siwgr (Milch & Zucker) im Obergeschoss, in dem Walisisch gesprochen wird (natürlich kann man auch auf Englisch bestellen).

Sie lieben Flohmärkte und Antiquitäten? Dann sollten Sie unbedingt in den Jacobs Market, ein riesiges Geschäft über drei Stockwerke voller Antiquitäten, Kunst und Kuriositäten. In der Womanby Street, einer der ältesten Straßen Cardiffs, befindet sich das Castle Emporium, in dem viele kleine unabhängige Läden und Galerien angesiedelt sind. Unsere Favoriten sind die Sho Gallery im ersten Obergeschoss und Heads Above the Waves – ein sozial engagierter Merch-Shop mit tollen Fundstücken.

Andere wichtige Orte im Stadtzentrum, die man sich nicht entgehen lassen sollte, sind etwa Spiller’s Records (der älteste Plattenladen der Welt!), Hobo’s Vintage Clothing (in dem sich die unangepasste Szene Cardiffs seit 1994 mit Second-Hand-Kleidung eindeckt) und Pen and Paper (ein hundefreundlicher Laden für Schreibwaren und Kunstbedarf).

Nicht verpassen ...

Statten Sie unbedingt dem National Museum of Wales einen Besuch ab, in dem die größte Sammlung impressionistischer Kunst außerhalb von Paris zu sehen ist – sogar bei freiem Eintritt! Die zusätzlichen Sonderausstellungen wechseln mehrmals im Jahr. Für mehr Informationen lohnt sich ein Blick auf die Museums-Website.

Cardiff Castle ist sozusagen das Herzstück mitten in der Stadt und es erzählt ganze Jahrhunderte an Stadtgeschichte an nur einem einzigen Ort: Die Mauern stammen teils aus der Römerzeit, ein normannischer Bergfried und ein prunkvolles viktorianisches Schloss, das vom Marquess of Bute eingerichtet wurde. Dieser war – in den 1860er Jahren – durch seine Gewinne aus den Kohlenexporten vom Hafen in Cardiff der reichste Mann der Welt und gab für das Anwesen im Stil der Neugotik eine Menge Geld aus. Machen Sie unbedingt eine der Führungen mit. Und ein Insider-Tipp sind die Geisterführungen, die einen nachts den Zutritt zu Räumen erlauben, die Besuchern sonst verschlossen bleiben. Spazieren Sie nach Ihrem Besuch an der Burgmauer, der Animal Wall, gen Westen zum Eingang in den weitläufigen Bute Park. Ein wunderschöner Stadtpark, von dem aus auch die Wassertaxis zur Cardiff Bay abfahren.

An interior shot of an old castle dining room with chandeliers
Die prunkvolle Great Hall im Cardiff Castle

Die Cardiff Bay

Ein Grund warum Cardiff überhaupt Stadtrechte erlangt hat, ist die Cardiff Bay. In früheren Zeiten, als hier im größten Kohleexporthafen der Welt walisische Kohle als Energiequelle für die weltweite Industrie verschifft wurde, hieß sie noch „Tiger Bay“. In den 1990er Jahren wurde ein Staudamm erbaut, um die Flüsse Taff und Ely zu einem großen Süßwasser-„See“ aufzustauen. Heute kann man ganz gemütlich mit Ausflugsbooten (oder wahlweise auch rasant mit Schnellbooten) auf Entdeckungstour gehen – auch durch Schleusen in den Bristol Channel.

In der Bay lohnt sich ein kleiner Rundgang. Hier begeistert das Zusammenspiel aus historischer und moderner Architektur, wie die hochmodernen Bauten der Senedd (Hauptsitz der Walisischen Nationalversammlung) oder des Opern-, Konzert- und Kulturzentrums Wales Millennium Centre, die Seite an Seite mit dem historischen Pierhead-Building stehen. Nur wenige Schritte entfernt strahlt schneeweiß die Norwegische Kirche. In ihr wurde der in Cardiff geborene Autor Roald Dahl getauft. Unweit hiervon liegt das Neubauviertel Porth Teigr, in dem das Drama Village der BBC Cymru beheimatet ist. Spazieren Sie von hier aus die Bay entlang in Richtung des Naturschutzgebietes Cardiff Bay Wetlands, unweit des luxuriösen St David’s Hotel & Spa. Im wunderbaren Kontrast zu den Wetlands, einem echten Highlight für passionierte Ornithologen, steht das quirlige Treiben am Mermaid Quay mit seinen vielen Pubs und Restaurants. Nicht weit von hier im historischen Gebäude der Coal Exchange (der Börse, an der früher mit Kohle gehandelt wurde). ist das erst kürzlich renovierte Exchange Hotel untergebracht.

A large impressive building with a wooden roof and glass windows
Die Norwegian Church und The Senedd

Essen in Cardiff

Wales ist für seine frischen und erstklassigen Produkte bekannt. Das bedeutet, wenn Sie walisische Lachsforelle (Sewin), walisisches Black Beef, regional gefangenen Seebarsch, Hummer, Herzmuscheln oder die Algenspezialität Laverbread auf der Karte sehen: Schlagen Sie zu! Zum Beispiel im Markt in Cardiff, den ich bereits zu Beginn meiner Tour erwähnt habe. Bei Ashton’s Fishmongers (dem ältesten Stand im ganzen Markt) gibt es kleine Becher mit Herzmuscheln und einem Schuss Essig verfeinert direkt auf die Hand. Lecker!

Kulinarisch wunderbare Dinge passieren auch, wenn walisische Zutaten mit der internationalen Küche zusammentreffen – und vor allem die spanische liegt in Cardiff derzeit voll im Trend. In der Westgate Street gibt es aktuell zwei fantastische Tapas-Bars: Bar 44 und Curado. Dazu kommt das von der nordspanischen Küche beeinflusste Asador 44 und, etwas außerhalb der Stadt, das katalanische La Cuina.

Im Potted Pig steht moderne britische Küche auf der Speisekarte, sein Schwestern-Restaurant Porro ist ein Highlight in Llandaff, wenn Sie Lust auf einen kleinen Ausflug haben. Ein Top-Restaurant ist das von Michelin-Sternekoch James Sommerin in Penarth, gegenüber der Bay, in dem man sich ganz auf intensive Geschmackserlebnisse spezialisiert hat. Auch im Milkwood in Pontcanna sind Auswahl und Service erstklassig – gehobene Küche ganz ohne Spießerfaktor.

Aber die spannendste Bewegung ist aktuell der Trend zu Streetfood-Locations im Guerilla-Stil, etwa in der Streetfood-Markthalle Sticky Fingers im Brewery Quarter. Sich hier auf einen Favoriten festzulegen, fällt wirklich schwer, aber wo es mich immer wieder hinzieht, ist zu The Two Anchors, in dem Fisch und Meeresfrüchte einfach immer lecker schmecken. Aktuell ist die Sticky Fingers Bar auch der einzige Ort in Cardiff, an dem Sie auf der Suche nach der trendigen Biermarke Old Blue Last Lager fündig werden.

People standing outside a pub
The City Arms Pub

Bar- und Kneipenleben in Cardiff

Womit wir beim nächsten Thema wären… Cardiff ist gerade an den Wochenenden eine Pub-Stadt. Wenn Sie auf der Suche nach Mainstream-Bars sind, brauchen Sie eigentlich gar keine Tipps von mir. Gehen Sie einfach Richtung St Mary Street oder Greyfriars, wo das Club- und Nachtleben der Stadt zu Hause ist.

Für ein etwas ausgefalleneres Cocktail-Erlebnis empfehle ich das kleine aber perfekt eingerichtete Lab 22 und das Speakeasy Dead Canary. Oder Sie gehen einfach zur oberen St Mary Street, an der gerade etliche neue Bars eröffnet wurden, wie das Gin & Juice an der Castle Arcade, in dem es über 350 verschiedene Gin-Sorten gibt, oder das Rum & Fizz genau gegenüber.

Natürlich spielen besonders Pubs in der britischen Ausgehkultur eine wichtige Rolle und da ist auch Cardiff keine Ausnahme. Die Pubszene ist geprägt von der größten Brauerei der Stadt, Brains. Wenn Sie nur Zeit für einen Pub haben, sollte es auf alle Fälle das City Arms sein, das immer eine große Auswahl an zusätzlichen Ale-Sorten hat. Wer es lieber individuell mag, sollte ins Tiny Rebel gehen, das für Craft Ales berühmt ist und ein buntes Programm aus Sportübertragungen, Live-Musik und sogar Brettspielabenden bietet.

Tiny Rebel Bars, Cardiff
Tiny Rebel in Cardiff

Mein persönlicher Lieblings-Ausgehort ist nicht mal direkt eine Kneipe oder Bar, sondern ein Nacht-Café. Das Sully’s Café in der Quay Street verwandelt sich Abend für Abend in das Blue Honey Night Cafe. Hier gibt es ein regelmäßig wechselndes Menü, am Wochenende Live-DJs und außerdem Karaoke-Abende, wo einfach jeder mitsingt.

Für einen gepflegten Pubcrawl außerhalb der Innenstadt gehen Sie über die Cathedral Road hinauf Richtung Llandaff. Unterwegs kommen Sie an etlichen guten Pubs vorbei (in die Sie im Idealfall auch einkehren), darunter das Cricketers und das Conway (in dem es übrigens auch sensationelles Pub-Food gibt). Schließlich landen Sie in Pontcanna, einem hippen Stadtteil der gerade bei jungen Familien angesagt ist. Entsprechend groß ist die Dichte an Cafés und Restaurants.

Locals treffen

Wenn Sie einen Abstecher außerhalb des Stadtzentrums machen und das lokale Leben kennenlernen möchten, empfehle ich einen Besuch in den Vororten. Am einfachsten zu erreichen ist Canton: Einfach über die Brücke im Westen des Schlosses und dann Richtung Chapter, ein lebendig innovatives Zentrum für Kunst, Film und Theater. Hier steht immer etwas Spannendes auf dem Programm, die Bar ist empfehlenswert und die Gäste, die hier herkommen sind nett und offen. Unterwegs hierher kommen Sie an einem guten Dutzend richtig guter Imbiss-Restaurants vorbei, die meisten mit südasiatischer Küche.

Die beste Auswahl an authentischer internationaler Küche gibt es aber am anderen Ende der Stadt in der oberen City Road, die viele Einheimische schon als Cardiffs „Internationale Meile“ bezeichnen. Hier finden sich Spezialitäten aus so ziemlich jedem Winkel des Mittleren und Fernen Ostens sowie Südasien.

Und wenn Sie mit den coolsten Kids der Stadt abhängen wollen, empfehle ich einen Besuch im Porter's. Hier gibt es kaltes Bier und wirklich zum Schreien komische Live-Unterhaltung.  

Live-Musik

Wenn Sie Ihren Besuch mit einer der großen Shows im Wales Millennium Centre verbinden können, erwartet Sie ein echtes Erlebnis. In dem architektonisch eindrucksvollen Bau in der Cardiff Bay stehen Musicals, Theateraufführungen, Konzerte und Inszenierungen der Welsh National Opera sowie das beliebte Festival of Voice auf dem Programm. Im Stadtzentrum bietet die St David's Hall ein buntes Programm aus Rock, Folk und Comedy – das eigentliche Highlight sind dank der fantastischen Akustik aber die Klassikkonzerte: Hier spielt etwa das BBC National Orchestra of Wales, das auch die jährliche Veranstaltung Welsh Proms und den hochkarätigen Wettbewerb BBC Cardiff Singer of the World veranstaltet. An einem Wochenende im Oktober bespielt das Sŵn Musik-Festival verschiedene Orte in ganz Cardiff.

Zusätzlich gibt es eine aktive Underground-Musikszene in den Bars und Clubs der Stadt. Termine finden sich etwa im kostenlosen Stadtmagazin Buzz. Wenn Sie spontan Lust auf einen Abend mit Live-Musik oder einen Club haben sind meine Favoriten The Moon, Clwb Ifor Bach (oder “Walisischer Club”), Undertone, Ten Feet Tall, Gwdihw und Tramshed

A busy venue with a band on stage
Sŵm Festival, Cardiff

Related stories