Es geht steil bergab auf dem Mountainbike

Die wilde Bergwelt von Wales ist für begeisterte Mountainbiker wie geschaffen. Iestyn George hat gerade erst mit dem Mountainbike-Fahren angefangen und findet schnell heraus, dass in diesem Sport Radfahrer jeder Alters- und Leistungsstufe willkommen sind.

Das Erste, was einem auffällt, ist das Geplapper. Mountainbike-Touren in Wales können Sie bis in dichtes Waldgebiet oder auf weitab gelegene Berggipfel führen. Man könnte meinen, dass an diesen Orten nur selten menschliche Stimmen zu vernehmen sind. Aber da irren Sie sich gewaltig.

Die kleine Schweiz?

Afan Forest Park, Neath Port Talbot

Afan Forest Park, Neath Valleys

Wir starten im Afan Forest Park im Neath ValleySüdwales. Über 100 km Radwege verteilen sich auf etwa 64 km² Waldgebiet, das sich an die Seite dieses steilen und engen Tals klammert. Man erkennt schnell, warum dieses Gebiet auch die „kleine Schweiz“ genannt wird.

Man kann den 46 km langen Skyline-Trail mit einer Steigung von 2.000 Metern befahren oder auch mehrere Anfängerstrecken, die sich mitten in diesem Abenteuerspielplatz der Natur befinden. Es ist ein Ort, an dem Besucher sich absolut frei fühlen können. Sobald Sie die Parkuhr gefüttert haben, können Sie so ziemlich alles tun und lassen, was Sie möchten.

Besucher, die gern fachmännische Ratschläge hätten, können sich direkt zum Afan Bike Shed begeben, bei dem man Fahrräder leihen und reparieren lassen kann und wo Touren und Unterricht angeboten werden. Der Mann der dies alles in sich vereint, heißt Ben Threlfall, ein freundlicher Mann aus Portsmouth, der eine wahrhaft treue Liebe zu diesem Ort ausstrahlt, die nur daher rühren kann, dass er ihn sich als Heimat für seine junge Familie ausgesucht hat.

Ben geleitet uns zum Übungsbereich. Und schon sehr bald finde ich heraus, dass selbst die leichteste Kurve und die kleinste Straßenböschung dem Fahrer ein hohes Selbstvertrauen abverlangt. Mountainbiking ist eben doch NICHT so einfach wie vom Rad fallen.

Ben ist jedoch sehr geduldig und fährt vorweg, damit wir etwas auf der einspurigen Strecke üben können. Und hier entfaltet Afan Forest Park sein ganzes Spektrum. Ich fühle mich Millionen Kilometer von allem entfernt, obschon wir in Wahrheit nur einige Meilen von der Autobahn M4 und weniger als eine Stunde Fahrt von den zwei größten Städten des Landes entfernt sind.

Erste Lektion: Um herunterfahren zu können, muss man erst mal nach oben und einspurige Strecken bergaufwärts zu fahren ist eine Wissenschaft für sich, mit all den losen Steinchen, Baumwurzeln und scharfen Kurven, die man bewältigen muss. Andere nennen das Technik. Ich nenne es harte Arbeit und während mir der Dampf bereits aus den Ohren quillt, schwöre ich mir heimlich, meine Beine einigermaßen in Form zu bringen.

Der andere unbezahlbare Ratschlag von Ben lautet, dass es nicht unbedingt ratsam ist, bei einer schnellen Talfahrt auf die Bremsen zu treten. „Wenn ich die Bremsen quietschen höre, weiß ich, der Fahrer hat keine Kontrolle mehr über das Rad“, sagt er mit ruhiger Autorität.

Wir kehren um eine Erfahrung reicher zum Bike Shed zurück. Ben fragt uns, wohin wir als Nächstes fahren wollen. Auf unsere Antwort reagiert er mit einem wissenden Lächeln und dem Abschiedssatz: „Viel Glück dabei!“

Bei einem Drink im Afan Lodge Hotel, einem wunderschönen Hotel im Berghüttenstil, nur einen Steinwurf vom Parkeingang entfernt, frage ich mich, was Ben mit diesem lakonischen Abschiedsgruß wohl gemeint haben könnte. Nur wenige Tage später ist das mehr als offensichtlich.

Eine echte Herausforderung

Antur Stiniog

Mountain biker at Antur Stiniog, Snowdonia

Die Schieferbergwerke in Snowdonia  haben Dächer in der ganzen Welt gedeckt und der Steinbruch von Llechwedd in Blaenau Ffestiniog ist wohl die dramatischste Kulisse für eine Stadt, die man sich vorstellen kann. Generationen von Menschen haben hier hart gearbeitet und ebenso hart gespielt und die einspurigen Radstrecken verkörpern diesen Lebensstil nur zu gut.

Sie wurden von Antur Stiniog errichtet, einer Organisation vor Ort, die alle möglichen Aktivitäten ausrichtet, einschließlich Wildcamping,  AngelnKajaktouren und Wandern .

Für Mountainbiker gibt es eine ausgezeichnete Übungsstrecke, ein sehr einladendes Besucherzentrum und ein Café, das alle Kohlenhydrate bereitstellt, die zur Bewältigung der vier Strecken erforderlich sind: Zwei schwarze und zwei rote (die Touren sind in die Kategorien schwarz-rot-blau-grün unterteilt, wobei schwarz den höchsten Schwierigkeitsgrad hat). Außerdem gibt es einen Transporter mit Anhänger, um Fahrer und Räder bis oberhalb von Blaenau Ffestiniog zu befördern, direkt gegenüber dem berühmten Steinbruch.

Und hier hört man sehr viel Geplapper. Stellen Sie sich den absoluten Gegenpol zu einer Fahrt mit der Londoner U-Bahn mit Leuten in Ganzkörperrüstungen und Vollhelmen auf ihrem Schoß vor. Die Adrenalinkonzentration in der Luft ist dermaßen hoch, dass es mich nicht wundern würde, wenn der Transporter allein damit angetrieben würde.

„Für mich geht es beim Mountainbiking genau darum“, sagt Ben aus Lincolnshire. „Das Fahren ist von Anfang bis Ende eine Herausforderung, die Einrichtungen sind einfach fantastisch und alle haben ein Lächeln auf dem Gesicht.“

Innerhalb weniger Sekunden nimmt er sein Rad vom Anhänger und ist auf dem Y Du, einer schwarzen Strecke, die ihn doppelt so schnell zurück zum Besucherzentrum führt, wie es mit dem Transporter zum Berggipfel gedauert. Es ist fantastisch, diese waghalsigen Mountainbiker in Aktion zu sehen, wie sie auf ihrer Talfahrt herabschießen und sich wie Schwalben wieder in die Lüfte schwingen.

Wilder Fahrstil

Einer der besten Fahrer des Landes, Gee Atherton, trat 2013 auf einer dieser Strecken gegen einen Falken an. Schauen Sie es sich auf Youtube an - Sie werden es nicht glauben. Eine Schnecke mit Arthritis hätte wohl Chancen, gegen mich zu gewinnen, als ich die Drafft , die am wenigsten furchteinflößenden Strecke mit engen, schnellen Kurven und jeder Menge buckliger Steinplatten, unter Ächzen und Stöhnen herunterfahre.

Eine der Binsenwahrheiten über Mountainbike-Talfahrten ist, dass, je langsamer man zu fahren versucht, es umso schwieriger wird. Mindestens sechs Mal verlasse ich einen Abschnitt und frage mich „Hab ich das wirklich gerade getan?“ Immerhin schaffe ich es ohne größere Schäden bis nach unten und kann aus der sicheren Geborgenheit des Cafés Ben und seine Kumpel beobachten, wie sie auf der Suche nach noch mehr Nervenkitzel den Berg direkt wieder hochjagen. Als zusätzlichen Bonus dafür, dass ich in einem Stück bis nach unten gekommen bin, gönne ich mir eine der legendären kurdischen Pasteten aus der nahegelegenen Model Bakery.

Antur Stiniog konnte die Hotels und Gästehäuser in Blaenau erfolgreich den Bedürfnissen der Mountainbiker anpassen – am wichtigsten war hier ein sicherer Aufbewahrungsort für die heißgeliebten (und oftmals sehr teuren) Mountainbikes.

Wir übernachten im Capel Pisgah B&B, einer umgebauten Kapelle unter der Leitung von Glenys Lloyd, deren Vater und Großvater beide im Kohlebergwerk arbeiteten. Ich werde herzlich willkommen geheißen, erhalte einen Haustürschlüssel und darf kommen und gehen, wie es mir beliebt. An jedem anderen Tag würde ich mich wohl zum Cell B aufmachen, einer fantastischen Bar mit Kunstzentrum und Musikveranstaltungsort in einem ehemaligen Gefängnis- und Gerichtsgebäude. Heute Abend habe ich aber gerade mal noch genügend Energie, um in mein Bett zu fallen.

Der walisische Pfeifer

BikeParkWales

Mountain bikers at BikePark Wales near Methyr Tydfil, South Wales Valleys

Die neueste unter den Mountainbike-Strecken in Großbritannien, die man gefahren sein muss, liegt weniger als 50 km vom Stadtzentrum Cardiff entfernt, wo eine Handvoll Menschen heimlich, still und leise in den dichten Wäldern von Gethin Woods oberhalb des Merthyr Tydfil fleißig gearbeitet haben.. Das Ergebnis ist die umfassendste Ansammlung einspuriger Strecken und familienfreundlicher Wege in Großbritannien. Das Gebiet wird auch der walisische Whistler genannt – eine Reminiszenz an das beliebte Bergerholungsgebiet in British Columbia, Kanada. Aber BikePark Wales reicht vollkommen – wir sind da nicht so.

Selbst um 9 Uhr morgens geht es hier sehr lebhaft zu: Überall holen Menschen ihre Räder aus Transportern und von Fahrradanhängern herunter, führen Feineinstellungen mit ziemlich kompliziert aussehenden Werkzeugen durch und stürzen auf einen schnellen Kaffee in das Besucherzentrum herein, bevor sie die erste Fahrt des Tages unternehmen.

Und auch hier ist stets lautes und sehr freundliches Geplapper zu hören. Ich erkenne Akzente aus einer der äußersten Ecken Londons – fast schon Essex. Dann ist da noch die Gang aus Somerset, eine weitere aus Northampton und ein paar sehr höfliche Herren aus Surrey. Dave, der radelnde Rentner, lebt im nur 48 km entfernten Newport. Er geht drei bis vier Mal pro Woche aus und fährt in den Sommermonaten einmal pro Monat nach Nordwales.

„Es wird Dir heute gefallen“, lächelt er. „Das hier ist ein ganz besonderer Ort.“

BikePark Wales bietet einen Tagespass für den Lift nach oben oder Sie bezahlen ein paar Pfund für den Parkeintritt und radeln auf der Straße oder auf der bergauf führenden Strecke, Beast of Burden, nach oben. Oben angekommen, können Sie sich eine der Strecken nach unten aussuchen.

Das Tolle daran ist, dass es auf dem Weg nach unten mehrere Punkte gibt, an denen die blauen, roten und schwarzen Strecken sich kreuzen. Auf diese Weise haben Sie die Möglichkeit – je nach Selbstbewusstsein – den Schwierigkeitsgrad wechseln (und dort ist das Geplapper noch viel lauter).

Die Einrichtungen am Besucherzentrum stehen den fantastischen Strecken in nichts nach. Wo sonst kann man ein 3.600 Euro teures Rad gegen eine vernünftigen Tagesgebühr leihen und sich gleichzeitig ein Riesenstück Karottenkuchen einverleiben? Ich sitze draußen und sauge die Atmosphäre in mich auf, während Kindergartenkinder mit ihren leuchtenden Helmen über die Übungsstrecke flitzen.

Kein Wunder, dass dieser Sport bei allen so beliebt ist. Selbst wenn Sie es nicht glauben wollen - dieser Mountainbiking-Virus könnte auch Sie bald erwischen.

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